Bis ans Meer…
Ich habe immer von einem Haus am Meer geträumt. Ich liebe das Meer – auch wenn ich manchmal Angst vor der Tiefe habe und ein paar Minuten brauche, bis ich mich im Wasser wirklich entspanne. Aber ich muss ja nicht unbedingt ins Wasser. Mir reicht der Blick, das Rauschen der Wellen, der Duft und ein Sonnenuntergang.
Frieda, eine der Hauptfiguren der Geschichte, träumt von einer Reise ans Meer, wenigstens einmal im Leben. Heute ist das kaum vorstellbar, wenn man in Mitteleuropa lebt. Für viele Deutsche heutzutage gehört ein Urlaub am Meer zu den prägendsten Erinnerungen ihres Lebens. Studien zeigen, dass Strand- und Badeurlaub seit Jahren die beliebteste Urlaubsform in Deutschland ist (laut Statista bevorzugen 70 % der Befragten Urlaub am Meer).
Große Liebe, ein glückliches Leben, Krieg, Flucht, Vertreibung, das Leben danach und was all das mit der nächsten Generation macht: Genau darum geht es in dem Buch „Bis ans Meer“ von Peggy Patzschke.
Ich lese oft Sachbücher über diese schreckliche Zeit und die Ereignisse rund um 1945, aber wenn man einen Roman wie diesen liest, bekommt man ein anderes, viel persönlicheres Gefühl. Eine Perspektive, die näher an den Menschen ist. Plötzlich ist man mitten im Geschehen. Die Gefühle sind stärker: Ich habe geweint, hatte Angst, Hoffnung, Enttäuschung, Schmerz, Freude, und dieses leichte Kribbeln, das man kennt, wenn man frisch verliebt ist. Wenn nicht gerade Sommerpause in der Eishalle wäre, hätte ich am liebsten meine Schlittschuhe geschnürt und ein paar Runden gedreht.
Ich habe sogar die eisige Kälte des Januars 1945 auf meiner Haut gespürt.
Das Buch ist großartig: Man taucht von den ersten Seiten in die Geschichte ein und fragt sich ständig, was als Nächstes passiert. Wird Frieda ihren Karl wiedersehen? Werden sie es endlich ans Meer schaffen? Wird die Enkelin ihr Glück finden und das geerbte Trauma überwinden?

Erben wir Traumata unserer Vorfahren?
Vor einigen Jahren habe ich eine polnische Sendung darüber gesehen, dass Kinder oder Enkelkinder ein Trauma „erben“ können, ohne sich dessen bewusst zu sein. Es ging dabei um den Zweiten Weltkrieg.
Ein geerbtes Trauma bedeutet, dass die Folgen von Krieg, Vertreibung oder Gewalt nicht nur die Betroffenen selbst prägen, sondern oft auch an die nächste Generation weitergegeben werden. Kinder und Enkel übernehmen dabei häufig Ängste, Schweigen oder bestimmte Verhaltensmuster, obwohl sie die Ereignisse selbst nie erlebt haben. Das zeigt sich oft unbewusst, etwa durch Unsicherheit, Verlustängste oder das Gefühl, „nicht richtig dazuzugehören“. Besonders in Familien mit Flucht- und Kriegserfahrungen wirkt diese Vergangenheit oft über Jahrzehnte nach.
Manchmal habe ich das Gefühl, dass ich das Trauma meiner Oma geerbt habe. Ich spüre Ängste oder Wut, die nichts mit meinen eigenen Erfahrungen zu tun haben und sich nicht wirklich erklären lassen. Wieso ist mir meine Identität so wichtig, oder anders: warum war es mir wichtig, meine eigene Identität einordnen zu können? Seit ich diese Sendung gesehen habe, denke ich immer wieder darüber nach. Und beim Lesen dieses Buches erst recht.

Die Geschichte ist so aufgebaut, dass man mit jedem Kapitel in eine andere Zeit springt: von heute in die Vergangenheit, dann wieder nach vorn, dann zurück. Ich fand das sehr spannend. Man bleibt dran, und die Neugier auf das nächste Kapitel wächst immer weiter.
Im Buch wird auch die deutsche Teilung thematisiert und welche Folgen sie für viele Menschen hatte. Ich hatte mich damit ehrlich gesagt nie so richtig beschäftigt. Klar, ich wusste, dass Deutschland bis 1990 geteilt war, dass es große Unterschiede gab und dass das Leben im Osten oft schwieriger war als in Westen. Aber was das für einzelne Menschen und Familien wirklich bedeutete, womit sie innerlich gekämpft haben, das ist mir durch dieses Buch erst richtig bewusst geworden. Solche Geschichten gibt es übrigens auch in Familien, die durch deutsch-polnische Grenze getrennt wurden, Aber ich will nicht zu viel verraten.
Gibt es ein Happy End? Das verrate ich euch natürlich nicht. Oder ich würde es so formulieren: Ich habe sowohl ein Happy End, als auch ein „Bad End“ gesehen. Aber um zu verstehen, was ich damit meine, müsst ihr das Buch selbst lesen. Es lohnt sich auf jeden Fall.
Grüße

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