Lange wusste ich nicht, dass ich es wissen sollte.
In der Schule lernten wir nichts über die Geschichte Schlesiens. Ich meine die wirkliche Geschichte, nicht die von den „wiedergewonnenen Gebieten“ oder dem „schon immer polnischen Schlesien“. Ein bisschen Mittelalter, als Schlesien noch zum polnischen Königreich gehörte, und dann die Volksabstimmung von 1921. Dass Schlesien über 600 Jahre lang nicht zu Polen gehörte, dass die Schlesier in dieser Zeit ihre eigene regionale Identität entwickelten und die meisten wohl gar nicht zu Polen gehören wollten, wurde einfach ausgeblendet. Diese Tatsachen schienen niemanden daran zu hindern, trotzdem von den „wiedergewonnenen piastischen Gebieten“ zu sprechen. Ja, das war reine Manipulation.
Aber egal. Der Punkt ist, dass ich lange Zeit nicht wusste, dass ich dieses Wissen woanders suchen sollte. Ich hatte damals großes Vertrauen in die Schule. Ich glaubte, dass das, was man uns beibrachte, die ganze Wahrheit sei. Ich dachte auch, dass unsere Familiengeschichte etwas ganz Besonderes sei und nur unsere Familie betreffe – und nicht Hunderttausende von Menschen und eine ganze Region.
Dass nicht nur meine Großeltern Deutsch sprachen, sondern über Jahrhunderte hinweg Millionen Schlesier. Ich möchte gleich hinzufügen, dass ich damit ganz Schlesien meine und nicht nur Oberschlesien, genauer gesagt dessen verkleinerten Teil – also das, was heute als „Schlesien“ bezeichnet wird. (Darüber schreibe ich in einem eigenen Beitrag.)

Bis in die 1990er Jahre war die in Polen verfügbare Literatur ziemlich einseitig und entsprach der offiziellen Geschichtserzählung der Volksrepublik Polen. Deshalb war es schwer, überhaupt eine andere Sichtweise zu finden. Man darf auch nicht vergessen, dass es damals praktisch noch kein Internet gab und es selbst später längst nicht für alle zugänglich war. YouTube gibt es überhaupt erst seit 2005. Man kann also sagen, dass für die meisten von uns die Suche nach Wissen im Internet erst zu Beginn des 21. Jahrhunderts wirklich begann.
Als ich in den 1990er Jahren als Teenager zur Deutschen Minderheit gehörte, an verschiedenen Veranstaltungen teilnahm und dort deutsche Lieder sang, dachte ich noch nicht über die Geschichte der ganzen Region nach. Mich interessierte vor allem die Geschichte meiner eigenen Familie.
Mit der Zeit begann ich jedoch, immer mehr Fragen zu stellen. Irgendwie spürte ich intuitiv, dass mir etwas fehlte, dass das Bild, das ich hatte, nicht vollständig war. Meine Identität ließ mir keine Ruhe. Ich fing an, die einzelnen Puzzleteile miteinander zu verbinden und nach Informationen über Schlesien zu suchen, denn das Schulwissen, das ich aus den Lehrbüchern kannte, bekam erste Risse. Irgendetwas begann darin zu bröckeln. Und so entdeckte ich nach und nach weitere Teile dieses Puzzles.
Ich erinnere mich noch gut daran, wie ich im Jahr 2020 von meiner Mutter das Buch „Kajś“ von Zbigniew Rokita geschenkt bekam. Nachdem ich die ersten Seiten gelesen hatte, hatte ich Tränen in den Augen und sagte: „Endlich sagt das mal jemand laut.“ Es war ein Gefühl der Erleichterung, eine Bestätigung all dessen, was schon seit einigen Jahren in mir brodelte. Ich glaube, ich kann mit Überzeugung sagen, dass mir dieses Buch mehr Selbstvertrauen im Hinblick auf meine schlesische Identität und mein Wissen über meinen Heimat gegeben hat.
Seitdem hat sich mein Wissen um ein Vielfaches erweitert, denn ich habe viele weitere Bücher verschlungen – auch auf Deutsch. Ein weiteres Buch hat für mich eine besondere Bedeutung: „Legenden, Manipulationen, Lügen … und die Wahrheit über Schlesien und die Diskriminierung seiner Bewohner in der Nachkriegszeit“ von Ewald Pollok. Dieses Buch fand ich im Haus meiner Großmutter Heidi, als wir nach ihrem Tod aufräumten. Ich bedaure sehr, dass ich mich nie dazu durchringen konnte, mit ihr über Geschichte zu sprechen, solange sie noch bei guter Gesundheit war. Sie erzählte mir viele Geschichten aus unserer Familie, aber über die Geschichte ganz Schlesiens haben wir nie gesprochen.
Ich bedaure auch, dass ich diese Gespräche nie mit meiner Oma Erna und meinem Opa Willi geführt habe. Sie sind viel zu früh von uns gegangen, noch bevor mir bewusst wurde, dass sie eine wahre Schatzkammer des Wissens waren.
Lange wusste ich nicht, dass ich die wahre Geschichte meiner Region kennen sollte. Als ich sie schließlich entdeckte, stellte sich heraus, dass sie nicht nur an sich faszinierend ist, sondern auch einen entscheidenden Einfluss auf mein Identitätsgefühl hatte. Heute weiß ich, dass ich bei der Suche nach der Geschichte Schlesiens in Wirklichkeit nach einer Bestätigung meiner eigenen Geschichte gesucht habe. Ich wusste zwar schon, wer ich bin, aber mir fehlte noch das Verständnis dafür im größeren Zusammenhang.
Zum Schluss möchte ich noch eines sagen: Wenn du schon lange das Gefühl hast, dass in deiner eigenen Geschichte etwas fehlt, dass ein Puzzleteil in deinem Bild noch nicht an seinem Platz ist, dann warte nicht länger. Suche nach Wissen. Stelle Fragen. Sprich mit den ältesten Mitgliedern deiner Familie, solange du noch die Möglichkeit dazu hast. Vielleicht entdeckst auch du etwas Faszinierendes.
Grüße

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